Interview

 

Frage: Herr Fischer, sie leiten seit mehr als 20 Jahren eine eigene, unabhängige Zen-Gruppe. Das ist in Deutschland eine eher selten anzutreffende Organisationsform. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

 

D.F.: Es ist hier bei uns ungewöhnlich, aber in der Geschichte des Zen ist es nicht so. Sehen Sie, der Lehrer meines Meisters hieß Kodo Sawaki. Er gilt als einer der größten Zen-Meister Japans im vorigen Jahrhundert. Er sagte einmal: „Manche Leute fragen mich, warum ich nicht meine eigene Zen-Organisation aufziehe. Im Buddhismus darf es keine Organisation geben. Sobald du anfängst, etwas zu organisieren, geht der Inhalt verloren.“ Das war seine unmissverständliche Haltung. Mein Lehrer Deshimaru nun, Kodo Sawakis direkter Schüler, hat in Paris eine Zen-Organisation gegründet, die auch heute noch besteht. Wer hat recht?

 

Frage: Sagen Sie es mir!

 

D.F.: Beide hatten ihre Gründe, also sind beide Haltungen richtig. Bei uns in Europa aber können sich viele Zen-Anhänger Zen nur noch als organisierte Religion vorstellen. Das kann tatsächlich dazu führen, dass die Organisation selbst zu wichtig genommen wird und, wie Kodo Sawaki sagt, der Inhalt verloren geht.

 

Frage: Sollte es mehr unabhängige Zen-Gruppen in Deutschland geben.

 

D.F.: Ja. Die Verdienste der etablierten Organisationen will ich gar nicht schmälern, aber mir scheint, dass der deutschen Zen-Bewegung etwas mehr Selbstbewusstsein und Kreativität ganz gut täten. Gerade heute, wo das Zen aus japanischen in westliche Hände übergeht, wäre mehr Vielfalt wünschenswert.

 

Frage: Welche Voraussetzungen sollte Ihrer Meinung nach ein Zen-Lehrer erfüllen?

 

D.F.: Er sollte gut ausgebildet sein, ein sicheres Gefühl für die eigenen Möglichkeiten und Grenzen haben und er muss so etwas wie eine grundlegende Liebe zu Menschen besitzen.

 

Frage: Welche Gefahren gehen von inkompetenten Lehrern aus?

 

D.F.: Es besteht immer die Gefahr der Verflachung des Zen, das ist, glaube ich, die größte Gefahr. Zazen ist kein Mittel zum Zweck. Eine Zen-Praxis, die nur aus gesundheitlichen Gründen geübt wird etwa, das wäre eine solche Verflachung. Zen ist mehr als Ausgeglichenheit und Entspannung.

 

Frage: Das heißt konkret...?

 

D.F.: Irgendwo in der Zen-Literatur steht der Satz: Iss die Frucht und nicht die Schale. Dieser Satz ist sozusagen der Leitstern meiner Bemühungen. Die Essenz des Zen muss erhalten bleiben.

 

Frage: Essenz des Zen, was soll das sein?

 

D.F.: Das ist mit Worten im Grunde nicht auszudrücken.

Frage: Mit so einem Satz habe ich schon gerechnet.

 

D.F.: Gut, ich will eine Antwort geben: Alles was wir sehen, hören oder riechen liegt nicht außerhalb unserer Selbst, sondern ist unser eigener Schatten.

 

Frage: Was denken Sie über die Transformation des Zen in den abendländischen Raum?  Welche Herausforderungen und Probleme sehen Sie?

 

D.F.: Die noch junge Zen-Kultur in Europa und Nordamerika orientiert sich stark am japanischen Kloster-Zen. Dazu muss man wissen, dass japanische Klöster eine von der Außenwelt vollkommen abgeschirmte, eigene Welt bilden in der ganz eigene Regeln und Gesetze herrschen. Erwerbsarbeit, Alltagssorgen sowie Ehe- und Familienleben spielen für die Klosterinsassen, Meister, Mönche und Nonnen keine Rolle. In Europa gibt es aber gar keine festen Klöster, in denen sich eine Schulung wie in Japan ereignen könnte. Ich kann auch nicht erkennen, dass sich eine solche Entwicklung hin zum weltabgewandten Mönchs- bzw. Nonnendasein in nennenswertem Umfang vollzieht. Nein, die Menschen hier wollen Zen und Zazen in ihr alltägliches Leben integrieren.

 

Frage: Wenn nicht am japanischen Klosterleben, woran soll man sich Ihrer Meinung nach stattdessen orientieren?

 

D.F: Es ist hier wenig bekannt, aber es gibt auch in Japan inzwischen eine stark wachsende Laienbewegung. Die Laienorganisationen bemühen sich um das Gleiche, wie wir hier im Westen: Integration von Alltag und Zen. Sie praktizieren übrigens inzwischen auch eine eigene Lehrweitergabe.

 

Frage: Sollen wir das japanische Laien-Zen nachmachen?

 

D. F.: Nein, wir sollen gar nichts nachmachen, aber als Orientierungspunkt eignet sich dieses Laien-Zen vielleicht besser für uns als das Kloster-Zen. Letztlich aber müssen wir wohl eigene Wege finden, daran führt kein Weg vorbei.

 

Frage: Das japanische Zen hat eine lange Tradition, wie sollen wir mit ihr umgehen?

 

D.F.: Ich habe großen Respekt vor der japanischen Tradition und wir werden auch in Zukunft noch viel von ihr lernen können. Aber lange Traditionen sind Segen und Fluch zugleich. Einerseits geben sie Orientierung und Halt, andererseits laden sie auch viel historischen Ballast auf die Schultern nachfolgender Generationen.

Wir im Westen haben nun die großartige Gelegenheit, überflüssige Lasten abzustreifen. Deshalb halte ich es für wenig sinnvoll, die Form des japanischen Kloster-Zen bis aufs i-Tüpfelchen zu importieren. Im übrigen haben die japanischen Klöster das gleiche Problem wie die christlichen Klöster bei uns - Nachwuchsmangel.

 

Frage: Generell erfährt der Buddhismus ja großen Zuspruch bei uns in den letzten Jahren und Jahrzehnten. Prominente Schauspieler und Schauspielerinnen outen sich als Buddhisten. Ist der Buddhismus die ideale Religion, oder sehen Sie Aspekte, die ihm fehlen?

 

D.F.: Es gibt Äußerungen, die ich von erklärten Buddhisten gerne häufiger hören würde.

 

Frage: Nämlich?

 

D.F.: Optimistische Aussagen wie: Die Welt ist ein wunderbarer Ort! oder: Das Leben ist ein großes Geschenk!